Mit diesem Newsletter wollen wir einen virtuellen, selbstverwalteten Projektraum in die Welt setzen, um Beobachtungen, Kritik, Aufrufe, Manifestationen zu teilen, uns mit anderen gesellschaftlichen Initiativen zu vernetzen und gemeinsam gegen autoritäre Politiken widerständig zu sein.
CC_Critical Communication gibt heterogenen Erfahrungen, Gedanken und Werken von Künstler*innen und Kulturschaffenden eine Stimme. Er stemmt sich gegen eine Bedrohung der Kunst-Freiheit, wie sie heute auch in Deutschland von einem autoritären Staatsverständnis forciert wird und mit rasender Geschwindigkeit voranschreitet. Wir mussten beobachten, dass es nur ein kleiner Schritt ist von einer Kriminalisierung der Solidarität mit Palästinenser*innen hin zum Extremismus-Vorwurf gegen bestimmte Positionen in der kulturellen Produktion.
Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir bestehen darauf, öffentlichen Raum zu schaffen und zu behaupten. Öffentlichkeit ist der Raum widersprüchlicher Interessen. Sie erfordert kulturelle Ausdrucksformen, um Konflikte zu benennen und zu verhandeln.
Wenn Sie sich mit einem Beitrag als Künstler*in, Autor*in, Aktivist*in oder Gruppe beteiligen möchten, kontaktieren Sie uns bitte:
criticalcommunication@posteo.net
This newsletter is a virtual and autonomous project space for sharing criticism, calls to action, and artworks with the goal of joining forces with other initiatives to resist the authoritarian turn.
CC_Critical Communication gives voice to heterogenous experiences, thoughts, and works of individual artists and art workers. It stands in opposition to the current threat against art’s freedom, a threat that today, in Germany, is driven by an authoritarian concept of state and progressing at breakneck speed. We’ve seen that it’s just a short step from criminalizing compassion for the Palestinian plight to labeling certain positions in cultural production as “extremist”—and erasing them.
We refuse to be intimidated; we insist on claiming and defending public space. It’s where we create our work. And because the public sphere is a zone of conflicting interests, it requires cultural expression to name, articulate, and negotiate these conflicts.
If you’d like to contribute as an artist, author, activist, or group, contact us at:
criticalcommunication@posteo.net
- Newsletter 02
July 2026
Freiheit der Kunst?Im vergangenen Jahr wurde ich eingeladen zur Teilnahme an der Ausstellung “Freiheit in der Kunst – der Kunst die Freiheit” in der Städtischen Galerie im Park in Viersen.
Dafür entwickelte ich eine Serie neuer Kaltnadelradierungen mit dem Titel Freiheit der Kunst?. Diese Serie setze ich unabhängig von der Ausstellung in Viersen – die noch bis 2. August 2026 zu sehen ist – weiter fort: ich bearbeite konkrete Fälle der letzten Jahre in Deutschland, bei denen die künstlerische und wissenschaftliche Freiheit eingeschränkt oder zensiert wurde. Diese autoritären Eingriffe erfolgen zumeist – aber nicht ausschliesslich – im Zusammenhang mit Palästina-Solidarisierungen bzw. Protest gegen den Völkermord in Gaza. Dass die Kunst- und Wissenschaftsfreiheit so oft im Kontext des Israel-Palästina-Konflikts angegriffen wird, ist kein Zufall: Hier ist die Linke gespalten und die fortschrittlichen, emanzipatorischen Kräfte stehen sich teilweise mit konträren Haltungen gegenüber. Das sind auch Nachwehen der dumpfen Nachkriegsgesellschaft und noch viel mehr der faschistischen Gewalt- und Vernichtungsgeschichte Deutschlands, die uns immer noch im Nacken sitzt.
Die Zerstörung von Gaza vor unseren Augen ist eine historische Zäsur, gleichsam das “Vietnam” von heute. Für mich als bildender Künstler wirft diese Entwicklung, die einhergeht mit militärischer Aufrüstung, zunehmender Polizeigewalt, Klimakrise, sozialer Verarmung …, elementare Fragen nach dem Berufsethos auf: welche Kunst, welche Freiheit? Für wen und was setze ich mich ein? Emanzipation! Gleiche Rechte für alle!
Die Kunst- und Wissenschaftsfreiheit ist in Art. 5 Abs. 3 des Grundgesetzes als elementares Grundrecht festgehalten und dennoch wird sie zahlreichen Angriffen ausgesetzt und muss immer wieder neu erkämpft und erstritten werden. Daher halte ich die persönliche Ebene der Auseinandersetzung, also wo wir konkret agieren, für relevant – wohlwissend, dass die Meta-Ebene, die Ebene der Staatspolitik, eine enorme Wirkmacht entfaltet.
Dissens zum Status Quo ist für viele, so auch für mich, eine Triebfeder für die Kunst. Wir brauchen lebendigen Widerspruch zu autoritärer Politik des Staates, zu „Kriegstüchtigkeit“ und „Staatsräson“. Das Handeln gesellschaftlicher Kräfte muss vielfältig und frei bleiben und von Überzeugungen der Einzelnen und nicht von erzwungener Anpassung an eine Staatsideologie geprägt sein.
Thomas Kilpper, im Juli 2026

Die 2022 vom indonesischen Kuratorenteam Ruan Grupa kuratierte documenta fifteen in Kassel sollte künstlerische Perspektiven aus dem Globalen Süden in Europa widerspiegeln. Anstatt sich mit den kollektiven Ansätzen auseinanderzusetzen, wurde die Ausstellung skandalisiert und generalisierenden Antisemitismus-Vorwürfen ausgesetzt. „Peoples Justice“, ein monumentales Gemälde der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi, das den Widerstand gegen die Militärdiktatur Suhartos darstellt, aber auch rassistische, anti-LGBTQ+ und antisemitische Bildelemente enthält, wird aus der Ausstellung entfernt. Dieser Präzedenzfall geschieht m.o.w. ohne gesellschaftlichen Widerspruch. Die Eliminierung verhindert letztendlich jede echte Auseinandersetzung – nicht nur mit Antisemitismus. Meiner Ansicht nach wäre es im Interesse eines gesellschaftlichen Lernprozesses sinnvoller, das Bild mit einer kritischen Anmerkung zu versehen, um seine Genese und Bildsprache diskutieren, lernen und kritisieren zu können.

In April 2024, the Palestine Congress in Berlin was shut down by police force (led by Police Commissioner Barbara Slowik), and the State Office for Immigration (led by Director Engelhard Mazanke) refused entry to the Palestinian-British doctor Dr Abu Sittah and imposed a ban on his political activities in Germany. Both of these state actions were ruled to be unlawful by the Higher Administrative Court of Berlin-Brandenburg – though this had no political consequences!

Im Februar 2025 organisiert die Gewerkschaft Verdi mit einem breiten Bündnis die Demonstration “Berlin Unkürzbar – Umverteilung jetzt” gegen Kürzungen im Kultur- und Sozialbereich. Louna Sbou, die Direktorin des Kulturzentrums Oyoun war als Rednerin vorgesehen, wurde jedoch von den verantwortlichen Gewerkschafter*innen daran gehindert ihre Rede zu halten! Die Demonstration endete daraufhin mit der Festnahme mehrerer Palästina-solidarischer Demonstrant*innen.

Dear Marius Babias, I hope you recognize your responsibility as director of the n.b.k. (Neuer Berliner Kunstverein): inviting artists to exhibitions means entering into a working relationship with them, if they then express themselves on socio-political issues, this should be – their artistic freedom – a matter of course, even if their views do not correspond to your own.

Im Herbst 2025 zeigt der TV-Entertainer Jan Böhmermann seine Ausstellung “Die Möglichkeit der Unvernunft” im Haus der Kulturen der Welt / HKW in Berlin. Anstatt den unvernünftig (hic!) angesetzten Termin (7. Oktober) für ein Konzert mit dem Rapper Chefket im Rahmen dieser Ausstellung zu verschieben, sagt Böhmermann nach Intervention des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer die Veranstaltung ganz ab. Als Begründung muss ein Palästina-Trikot herhalten, mit dem der Musiker auf Instagram zu sehen ist! Aus Solidarität mit Dr. Dirican (Chefket) sagen daraufhin sämtliche Musiker (Blumengarten, Domiziana, Wazzermann, Drunken Masters, Mine & Akryl) ihre im HKW geplanten Konzerte bei Jan Böhmermann ab.

In November 2025, the Co-ordinating Committee (Koordinationsausschuß, KOA) of the neue Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK), chaired by Annette Maechtel, censored Ipek Burçak’s public art project “Nothing New in Berlin” – ten days after its opening – on the grounds of a caricature critical of capitalism. Although the cartoonish character carries logos of VW, Daimler-Benz, Shell and Rheinmetall… it was deemed as potentially interpretable anti-Semitic. At least the nGbK has admitted to having made mistakes, though unfortunately this has had no consequences in the artist’s favour.

Im Jahr 2024 erhielt Frieda Toranzo Jaeger, deren jüdischer Großvater vor dem Nazifaschismus in Deutschland nach Mexiko floh, den Kunstpreis für Malerei der Peill-Stiftung; wenige Wochen später wurde die Auszeichnung zusammen mit einer für 2026 geplanten Ausstellung im Leopold-Hoesch-Museum in Düren (Direktorin Anja Dorn) widerrufen – angeblich „im gegenseitigen Einvernehmen“, was die Frage aufwirft, ob eine Entschädigung gezahlt wurde? Als Grund für die Absage wurde Jaegers Unterzeichnung des Aufrufs „Strike Germany“ angegeben (was die Nationalgalerie Berlin wenige Monate zuvor nicht davon abgehalten hat, eine große Ausstellung mit Nan Goldin durchzuführen).

In August 2023 the Jewish Russian-American author M. Gessen was nominated for the Hannah Arendt Prize in Bremen by an independent jury. Following their essay “In the Shadow of the Holocaust” in the „New Yorker” on 9 December in which they sharply criticize Israel’s devastating war policy against Gaza, the Green Party-affiliated Heinrich Böll Foundation (here it’s CEOs Imme Scholz and Jan Philipp Albrecht) together with the Mayor of Bremen (Andreas Bovenschulte, SPD) cancel their award ceremony that was to happen in the townhall of Bremen and exclude Gessen from public discourse and reputation.

Am 27. Februar 2026 – einen Tag vor der seit langem geplanten Lesung palästinensischer Autoren – beschloss der Vorstand des Goethe-Instituts (hier dessen Präsidentin Gesche Joos und ihr Vorgesetzter, Außenminister Johann Wadepfuhl, CDU) die Veranstaltung abzusagen und damit das gesamte, seit langem bestehende Programm „Goethe-Institut im Exil“, das Künstler*innen aus der Ukraine, Weißrussland, Russland, Afghanistan, dem Iran und Syrien eine wichtige Gelegenheit bot, ihre Werke zu präsentieren.
Thomas Kilpper, Freiheit der Kunst?
Kaltnadel-Radierungen auf Büttenpapier 300g/qm, 50,5 x 66 cmMore information on Thomas Kilpper’s project “Freedom of Arts?” and cases of authoritarian restrictions and censoring you can find here:
https://www.kilpper-projects.de/freiheitderkunstfragezeichen/*****
RADAR 1: Der Rechtswissenschaftler Christoph Möllers über „Öffentliche Kunstfreiheit“
Vor wenigen Wochen erschien bei Suhrkamp das Buch „Öffentliche Kunstfreiheit“, verfasst von Christoph Möllers und Nils Weinberg. Möllers lehrt Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität und ist designierter Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Schriftlich beantwortete er fünf Fragen, die wir ihm für diesen Newsletter gestellt hatten. Herzlichen Dank!
Möllers hatte bereits 2022 im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien ein Rechtsgutachten über “Grundrechtliche Grenzen und grundrechtliche Schutzgebote staatlicher Kulturförderung“ verfasst und war beteiligt am Abschlussbericht des Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta fifteen, der Anfang 2023 öffentlich vorgelegt wurde.
CC_: Sie unterscheiden in der „weitgehend etatisierten Kulturlandschaft“ Deutschlands zwischen staatlicher Verwaltung, privaten Künstler*innen und öffentlichen Kunstinstitutionen als „Intermediäre“. Wer ist in dieser Konstellation von der „Kunstfreiheit“, also dem Grundgesetz geschützt und wer nicht?
C.M.: Geschützt sind grundsätzlich alle, deren Aufgabe die inhaltlich künstlerische Arbeit ist, also die Künstler, die ausgestellt werden, die Kuratorinnen und die Programmplanerinnen. Im Einzelnen kann es schwierig sein, das abzugrenzen. Einmal können administrative und künstlerische Aufgaben in einer Person zusammenfallen (Museumsdirektorin darf, von der KF geschützt, Ausstellungen planen, aber nicht ihren Haushalt überziehen) und es gibt u.U. kunstimmanente Hierarchien: Dirigentin – Musiker oder Kuratorin – Künstler.
CC_: Sie beschreiben die Genese der deutschen Kulturlandschaft zwischen den radikaleren Konzepten einer französischen Verstaatlichung und der nordamerikanischen Privatisierung. „Die deutsche Tradition hat keine entsprechende revolutionäre Geschichte hervorgebracht. In ihr ist das feudale Korporationswesen in Kirche und Universitäten fortgeführt worden und hat sich gegenüber dem Staat ausdifferenziert.“ Daraus habe sich aber auch das Konzept der „Eigenrationalitäten“, eben der Kunstfreiheit entwickelt, das indes – anders als im Wissenschaftsbereich – kaum Strukturen klassischer Rechtsfähigkeit hervorbrachte. Worin unterscheiden sich Kunst- und Wissenschaftsfreiheit in Deutschland?
C.M.: Sie unterscheiden sich gar nicht so grundlegend. Das erkennt man an einer wichtigen Übergangsinstitution, der Kunstakademie, die wie eine Uni gebaut ist, doch der KF unterfällt. Der Unterschied liegt darin, dass die Wissenschaft zumeist in der Form der Universität organisiert ist. Die ist Kämpfe mit der Obrigkeit seit langem gewohnt und kennt Formen der Selbstverwaltung. Bei Museen, Theatern etc. fehlt beides. Sie sind staatsnäher, intern hierarchischer und vielfältiger. Die Praxis, sich als öffentliche Institution auf ein Grundrecht zu berufen, haben sie nicht eingeübt.
CC_: Sie analysieren, dass gerade die Position der „Intermediäre“ sehr fragil ist, sie sich nur selten rechtlichen Auseinandersetzungen widmen können und folgern daraus: Ob sich der Grundrechtsschutz hier entfalte, hänge „vom Selbstbewusstsein der Kulturinstitutionen ab, die, politisch unter Druck gesetzt, bereit sein müssen, sich auch mit rechtlichen Mitteln zur Wehr zu setzen.“ Es gibt offenbar keine Strukturen, die in diesem intransparenten Betrieb rechtliche Klarheit oder Neustrukturierung einfordern könnten. Braucht es ein Handbuch über den Grundrechtsschutz von Institutionen und ihren Akteuren? Welche systemischen Forderungen könnten sich aus Ihrer Analyse für den Kulturbetrieb ergeben?
C.M.: Eine Art kleines Handbuch haben Nils Weinberg und ich ja versucht zu schreiben. Wichtiger erscheint es, dass sich der Kunstbetrieb selbst organisiert und eine Stelle schafft, in der es einen Austausch über politische Einflussversuche und über Strategien, dagegen vorzugehen gibt. Kunstfreiheit zu praktizieren bedeutet erst einmal, seine Rechte zu kennen und sich auf die im Konfliktfall zu berufen und erst am Ende auch mal zu klagen.
CC_: Wenn man das „Archiv of Silence“, also das Archiv abgesetzter Veranstaltungen, ausgeladener Referenten, nicht realisierter Ausstellungen der letzten zweieinhalb Jahre anschaut, möchte man meinen, dass – oft in vorauseilendem Gehorsam – eher die Meinungs- als die Kunstfreiheit angegriffen wurde. Überschneiden sich diese beiden Grundrechte?
C.M.: Sie überschneiden sich, soweit es um Äußerungen Privater geht, deren Kommunikation, sei es als Meinung, sei es als Kunst, geschützt ist. In diesem Gebiet bedarf es keiner gesonderten Kunstfreiheit. Im Gebiet der öffentlichen Institutionen ist das anders, hier geben nur Kunst- und Wissenschaftsfreiheit den Institutionen Schutz.
CC_: Sie haben viele Seiten Ihres Buchs aktuellen staatlichen Überlegungen gewidmet, kunstfremde Kriterien in der Kunstförderung (Antisemitismus-Klauseln) einzuführen und mahnen, dass dieser „allgemeine Trend, staatliche Fördermaßnahmen an weitere politische Ziele zu binden“ perspektivisch einen „Paradigmenwechsel“, nämlich das Aushebeln eines Vertrauens des Staates, der demokratischen Mehrheit in die geförderten Institutionen und Personen bedeuten würde. Wie kann dieses Vertrauen gerettet werden, wenn demokratische Mehrheiten bald möglicherweise von der AfD gestellt werden?
C.M.: Gegen politische Mehrheiten hilft kein Recht, sondern nur politische Überzeugungsarbeit. Davor muss man daran erinnern, dass der politische Prozess sich auch selbst überfordert (und im Bereich der Kunst auch oft selbst lächerlich macht), wenn er in solche Praktiken hineinpfuscht.
RADAR 2: Appell der Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen in Serbien
Seit dem 24. November 2024, als ein gerade renovierter Bahnsteigüberbau einstürzte und 16 Menschen ums Leben kamen, erlebt Serbien die größte Studentenbewegung seiner Geschichte. Im Anschluss an dieses Ereignis kam es zu Massenprotesten, bei denen Rechenschaft gefordert und systematische Korruption, Medienkontrolle sowie der Missbrauch öffentlicher Institutionen angeprangert wurden. Die Reaktion der seit 2012 amtierenden Regierung bestand in einer Verschärfung von Unterdrückung, Zensur und Gewalt, was eine der schwierigsten Phasen für die serbische Gesellschaft und ihre fragile Demokratie einläutete.
Von Anfang an haben sich die Kulturschaffenden solidarisch mit den Student*innen gezeigt. Im Laufe des Jahres 2025 hatten viele von ihnen schwerwiegende Konsequenzen zu tragen, wie den Verlust von Fördermitteln, den eingeschränkten Zugang zu öffentlichen Räumen und Medien sowie berufliche Repressalien. Strukturelle Probleme wie gekürzte Budgets, ungerechte und politisch beeinflusste Fördermittel, Vetternwirtschaft und Misswirtschaft in den Institutionen haben sich weiter verschärft.
Infolgedessen befinden sich viele Künstler*innen und Kulturschaffende nun in einer Situation großer wirtschaftlicher Unsicherheit und verfügen oft nicht einmal über die für ihre Arbeit notwendigen Mindestmittel. Wer seine Stimme erhebt, ist Zensur, Belästigung am Arbeitsplatz und Mobbing, Entlassungen sowie verschiedenen öffentlichen Angriffen ausgesetzt. Solche Praktiken sind zunehmend an der Tagesordnung. Neben den wirtschaftlichen und administrativen Maßnahmen hat auch die physische Gewalt zugenommen, wobei Studierende und Bürger*innen von Festnahmen und Gewalt durch die Polizei betroffen sind.
Diese Entwicklungen dürfen nicht als Einzelfälle verstanden werden, sondern als klares Muster systematischer Unterdrückung, politischen Drucks und der Instrumentalisierung der Kultur. Auf dem Spiel steht nicht nur die Position einzelner Künstler*innen oder bestimmter Kulturprogramme, sondern die Möglichkeit eines freien und autonomen kulturellen Lebens an sich sowie die Integrität des öffentlichen Raums und der demokratischen Prozesse.
Als Reaktion darauf haben wir, ermutigt durch die Studentenbewegung, die Gemeinschaft für Kunst und Kultur gegründet. Diese Initiative entstand aus einem gemeinsamen Kampf gegen Unterdrückung und aus der Dringlichkeit, die für das Überleben der Kultur- und Kunstszene in Serbien notwendigen Bedingungen zu verteidigen.
Eine unserer Hauptaktivitäten ist die „Chronik der Unterdrückung“, die Fälle von Druck und Unterdrückung im Kulturbereich dokumentiert.
Diese Situation hat die internationale Zusammenarbeit schwer beeinträchtigt. Zahlreiche Projekte, Festivals, Residenzen, Forschungsaktivitäten und Ausstellungen wurden aufgrund fehlender Mittel und Ressourcen gestoppt. Gleichzeitig haben sich einige internationale Künstler*innen unwissentlich an Projekten beteiligt, die mit regimekonformen Strukturen in Verbindung stehen, und damit das Risiko eingegangen, diese Verhältnisse zu verstärken.
In diesem Zusammenhang kann die EXPO 2027 in Belgrad nicht als isoliertes oder unabhängiges Projekt betrachtet werden – es handelt sich um ein vom derzeitigen Regime konzipiertes und kontrolliertes Projekt, das den Höhepunkt dieses Regierungsmodells darstellt, das durch völligen Mangel an Transparenz, Korruption, die Umgehung rechtlicher Verfahren, die Privatisierung des öffentlichen Interesses und die Instrumentalisierung der Kultur gekennzeichnet ist.
(….)
Der offizielle Slogan der EXPO „Play for Humanity“ steht in krassem Gegensatz zu dieser Realität.
Wir bitten unsere internationalen Kolleg*innen:
– dazu beizutragen, die Geschehnisse in Serbien bekannt zu machen;
– einen Dialog mit uns aufzunehmen;
– sich gegen die zunehmenden Bedrohungen für Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Bürgerrechte auszusprechen;
– sich sorgfältig zu informieren, bevor sie irgendeine Form der Zusammenarbeit oder Teilnahme an der EXPO 2027 oder damit verbundenen Programmen akzeptieren;
– ihre Regierungen und die zuständigen Institutionen zur Teilnahme ihrer jeweiligen Länder an der EXPO 2027 in Belgrad zu befragen und zur Rechenschaft zu ziehen.(…)
Trotz aller Schwierigkeiten sind wir weiterhin offen für Zusammenarbeit und Austausch und heißen alle willkommen, die unsere Kämpfe und Hoffnungen teilen möchten. Die Künstler*innen und Kulturschaffenden in Serbien brauchen eure Anwesenheit und eure aktive Unterstützung.
In Zeiten einer globalen Krise sind Solidarität und kollektiver Widerstand wichtiger denn je. Eine Welt, ein Kampf!
Instagram: zuk.zajednica / Zajednica umetnosti i kultur
- Newsletter 02Newsletter 02 zeigt neue Radierungen von Thomas Kilpper zu autoritären Eingriffen in die Kunst- und Wissenschaftsfreiheit in Deutschland. Radar: Ein kurzes Interview mit dem Rechtswissenschaftler Christoph Möllers zur „Öffentlichen Kunstfreiheit“ und ein dringender Appell von Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen aus Serbien.
- Newsletter 01Newsletter 01 asks how artists are responding to recent upheavals in a Western understanding of culture, law, and the state. Art by Andrea Scrima. “Radar”: Statements by participants in Kultur unter Druck, an event that took place at Kunstquartier Bethanien on April 30, 2026; civil disobedience against the AfD in Erfurt on July 4.
- Newsletter 00Die Nullnummer spricht von der Genese des Newsletters und seiner Notwendigkeit, vom angstfreien Sprechen im öffentlichen Raum. Im „Radar“ informiert er über Aktionen in Berlin und Rom. Der künstlerische Audio-Beitrag ist von Katharina Karrenberg.