Newsletter 00
May 2026
Kunst ist immer öffentlich
„Ist das künstlerische Schaffen noch in der Lage, mit den aktuellen Entwicklungen – Autoritarismus, Rechtsruck, Entmündigung – Schritt zu halten? Gibt es noch Räume, Formate und Infrastrukturen, die neue Perspektiven eröffnen können? Oder ziehen wir uns alle in unsere Kojen und Ateliers zurück?
Ich würde gerne aufspüren, wie Künstler*innen jetzt – als Akteur*innen und Zeug*innen – mit diesem vermutlich endgültigen Ende des Westens, seiner Wertigkeiten und Ausschlusskriterien, seines Kultur-, Rechts- und Staatsverständnisses umgehen. Bietet die künstlerische Produktion Perspektiven raus aus der Defensive, Vereinzelung, Delegitimierung, Kriminalisierung?
Die stumme Polarisierung im Angesicht der menschenverachtenden Zerstörung von Gaza hat mein (naives) Vertrauen in eine auf Solidarität basierende Kunstszene zum Kollabieren gebracht. Es scheint kein gemeinsames Interesse mehr daran zu geben, eine kulturelle Öffentlichkeit zu produzieren. Es fehlt eine Auseinandersetzung über institutionelle Abhängigkeiten von staatlicher Finanzierung und die derzeit propagierte absurde Trennung von Politik und Kunst“. – Angelika Stepken
Das ist ein Fragment aus einer email, die ich im Winter an befreundete Künstler*innen in Berlin verschickte. Eine Weile später trafen wir uns zum Gespräch.
I understood that I could not continue my work as though this colossal tragedy weren’t taking place. – Andrea Scrima
There are some who say the promise of connecting civil society to contemporary art institutions was a fraud, was never real – I disagree. – Jeremiah Day
Nach der dritten Gesprächsrunde mit gut einem Dutzend Teilnehmer*innen wollten wir nicht mehr unter uns bleiben. Mit dem Critical Communication Newsletter suchen wir den öffentlichen Austausch, wechselseitige Unterstützung, Vernetzung, eine Stärkung des kritischen Diskurses und des Widerstands gegen eine Einschränkung der Kunst- und Meinungsfreiheit.
Die künstlerische Öffentlichkeit ist gegenwärtig keine, die sich durch Diskursivität und Solidarität auszeichnet. Im Gegenteil: die himmelschreiende Vernichtung der Zivilbevölkerung von Gaza und ihres Lebensraums, die politische Mystifizierung von „Staatsräson“ und Antisemitismus, das gewaltsame Silencing oppositioneller Stimmen, die massiven Kürzungen öffentlicher Förderung und der Ruf nach patriotischer Gesinnung als Vorbedingung derselben haben von einer Kultur der gemeinsamen öffentlichen Aushandlung wenig übriggelassen. Institutionen ducken sich weg, Intendant*innen retten, was zu retten ist. Berufsverbände üben sich zögerlich in einer Rhetorik, die politisch argumentieren muss und nicht mehr nur interessengebunden. Und alle anderen?
Der autoritäre, von Verlustängsten getriebene Rechtsruck zerrüttet die meisten kapitalistischen Demokratien. Das Verständnis dieser Entwicklung hinkt mit großer zeitlicher Verzögerung hinterher – auch bei uns Künstler*innen, Kulturarbeiter*innen. Immer mehr Bücher erscheinen über den „neuen“ Faschismus. Wir versuchen zu verstehen. Und wir müssen lernen Kritik, Protest und Widerstand zusammen zu denken, uns zu verbünden, Solidarität zu praktizieren und einzufordern. Der Druck ist immens und die Schwächsten kollabieren als erste.
„Festzuhalten bleibt zunächst, dass die Kunstfreiheit keinen institutionellen Schutz, schon gar keine Finanzierungsgarantie, ja noch nicht einmal eine Abwägungsprämie wie die Meinungsfreiheit kennt. (….) Einen Anspruch auf staatliche Kunstförderung aus der Kunstfreiheit kennen liberale Verfassungen nicht. (…) Diese ästhetische Öffentlichkeit ist der Ort ästhetischer Kritik, die der künstlerischen Produktion nicht äußerlich ist. Sie ist zugleich der einzige Ort, an dem sich eine der Freiheit der Kunst komplementäre Verantwortung der Kunst zeigt, die Verantwortlichkeit gegenüber Kritik“. – Christoph Möllers, Unverbindlicher Eigensinn, 2025
Dies ist der erste einer Reihe von Newslettern, die in unregelmäßigen Abständen erscheinen werden. Wenn Sie uns folgen möchten, abonnieren Sie den Newsletter unter: www.criticalcommunication.net.
Die nächste Ausgabe wird u.a. einem Gespräch unter Künstler*innen gewidmet sein. Wenn Sie sich mit einem Beitrag als Künstler*in, Autor*in, Aktivist*in oder Gruppe beteiligen möchten, kontaktieren Sie uns bitte: criticalcommunication@posteo.net
*****

Katharina Karrenberg
STAATSMASCHINE, 2026
Eine politische Satire und ein Beitrag zur gesellschaftspolitischen Funktionsverschiebung der Künste
Katharina Karrenbergs gut fünfminütiges Audiostück im Berliner Dialekt ist ein spezieller Beitrag für diesen Newsletter. Sie paraphrasiert darin das Lied „Hermann heeßt er“ der Sängerin, Kabarettistin und Feministin Claire Waldoff (1884–1957), das Ende der 20er Jahre im „Volksmund“ um eine weitere Strophe in Anspielung auf Reichsminister Hermann Göring ergänzt wurde. Waldoff hatte nach 1936 keine Auftrittsmöglichkeiten mehr, sie starb vergessen und verarmt in Bayern. Ihr politisches Credo: „Raus mit den Männern aus dem Reichstag!“.
*****
NOTIZEN: Angstfrei sprechen im öffentlichen Raum
„In Berkeley, wo in den 1960er Jahren die Bewegung für freie Meinungsäußerung gegen den Vietnamkrieg entstand, hielt Foucault 1983, kurz vor seinem Tod, diese Vorlesungen über die ‚Genealogie der kritischen Haltung‘. Es geht dabei um vier Fragen: Wer ist in der Lage, die Wahrheit zu sagen; worüber; mit welchen Folgen; und mit welchen Beziehungen zur Macht. (….) Parrhesia ist jedoch in erster Linie eine Praxis, die sich mit der Korrespondenz zwischen Denken (logos) und Leben (Ethik und Ästhetik) befasst“. (Klappentext: Michel Foucault, Discourse and Truth. Berkeley Lectures 1983. merve 1996) „Derjenige, der sich der parrhesia bedient, der parrhesiastes, ist einer, der alles sagt, was er im Sinn hat: Er verbirgt nichts, sondern öffnet durch seine Rede sein Herz und seinen Geist für andere Menschen“. (S. 10, 1996)
Kurz gesagt ist Parrhesie eine verbale, kritische Aktivität, die aus einem Gefühl moralischer, sozialer und politischer Verpflichtung, Leidenschaft und Verantwortung erwächst, auf sich selbst und/oder eine populäre Meinung oder Kultur gerichtet ist und auf deren Veränderung abzielt. Derjenige, der Parrhesie ausübt, hat ein glaubwürdiges persönliches Verhältnis (seine ehrliche Meinung) zur Wahrheit, die er performativ vermittelt und kommuniziert. Dabei begibt sich der Parrhesiast in eine Position der Bedrohung, da er sich in einer weniger mächtigen Position befindet als derjenige, dem er diese Wahrheit offenbart.
Damit Parrhesie stattfinden kann, ist nach Foucault der Wunsch nach Interaktion in einem dialektischen Spiel erforderlich. Es ist „ein ‚Spiel‘ zwischen demjenigen, der die Wahrheit spricht, und dem Gesprächspartner“ (Foucault). Und beide sind die Voraussetzung dafür, dass dieses Spiel stattfinden kann; derjenige, der die Wahrheit sagt, der Parrhesiast, zielt darauf ab, das Ethos desjenigen, der zuhört, zu verändern.
Das Sprechen zum Zwecke des parrhesiastischen Spiels steht in direktem Gegensatz zu den Regeln der rhetorischen Rede und/oder der Schmeichelei. Die Verwandlung soll nicht durch Manipulation oder Irreführung des Zuhörers erreicht werden (wie in der Rhetorik kann der Redner die Wahrheit kennen, muss sie aber nicht unbedingt vollständig teilen), sondern durch Überzeugung durch „die gleichsam nackte Übertragung der Wahrheit selbst“ (Foucault 2005). In Situationen, in denen keine Partei der anderen zuhören will und beide Parteien die Funktion der Bühne aufheben und parodieren, sind wir – wie Foucault anmerkt – mit der Parrhesie konfrontiert, die in einer „schlechten demokratischen Stadt“ praktiziert wird, in der „jeder alles sagen kann“ (Foucault).
– aus einem Projektpapier von Eleni Kamma, Angelika Stepken, 2022
*****
RADAR 1: Shifting to the right / Music scenes
Am 29. April luden der Music Pool, Moving Poets Berlin und Soydivision zu einer Panel-Diskussion: „Shifting to the right—Questions of alliances and what to do in music scenes“ in die Villa Hasselwerder in Schöneweide. Dort war es Anfang des Jahres zu wiederholten vandalistischen Attacken aus der rechten Szene gekommen (u.a. Verbrennen des Büchercontainers). Eine Musikerin und Aktivistin berichtete über deutlich eingebrochene Einladungen nach dem 07.10.2023 und dann erneut, im Zuge des anhaltenden Angriffs auf zivilgesellschaftliche Strukturen. Der Festival-Beauftragte des ImPuls – Netzwerks in Brandenburg informierte über die seit Jahren anhaltenden Einschüchterungsversuche rechter Netzwerke (Vorbeifahren mit Deutschlandflagge) und physische Angriffe auf Festivals.
Außerhalb der Berliner Bubble sind rechte „Feindmarkierungen“ auch gegen Künstler*innen, Theaterprojekte, kulturpolitische Initiativen und selbst Institutionen wie das Bauhaus Dessau längst keine Ausnahme mehr. In Berlin war und ist die Kritik am „Silencing“ stark, an der Ausladung oder Entlassung von Künstler*innen, die der „Staatsräson“ nicht entsprechen. Eine Solidarität zwischen verschiedenen Kunst-Sparten artikulierte sich bislang allenfalls gegenüber der Senats-Sparpolitik. Ob bestimmte Künstler*innen zunehmend „präventiv“ von Einladungen geschnitten werden, bleibt jeweils individuelle Vermutung. Die Öffentlichkeit für Bildende Kunst ist intransparent, zumal parallel die enormen Kürzungen im Kulturbereich auch den gemeinnützigen Ausstellungsbetrieb hart einschränken und selbst große Kunstvereine kaum noch mehr als zwei Ausstellungen im Jahr organisieren können. A.St.
www.musicpoolberlin.net
RADAR 2: Berlin – Art Worker Solidarity
ist ein Netzwerk von Kunst- und Kulturschaffenden, das innerhalb des Berliner Berufsverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) in Reaktion auf Isolation und Repression seit gut einem Jahr als Arbeitsgruppe aktiv ist. Die AG lädt zu regelmäßigen Treffen und arbeitet an intersektionalen Solidaritätsnetzwerken.
Report from the Symposium:
Culture Workers Organizing Against the Authoritarian Turn
Berlin, April 11–12, 2026
“As far-right and authoritarian agendas gain legitimacy, institutions either collaborate with or remain silent about genocidal warfare and the growing militarization of society. Cultural work has become a decisive arena in which fear, nostalgia, identity, and hegemony are produced, contested, and normalized. In response, Art Worker Solidarity seeks to establish and strengthen international and intersectional networks of solidarity in order to collectively push back against repression. The group was formed in response to the widespread censorship and silencing of artists and cultural workers in Berlin due to their support for Palestine, as well as the precarization of artists through defunding and attempted deportation. These issues are exacerbated by the rise and normalization of right-wing extremism.
The two-day symposium ’Culture Workers Organizing Against the Authoritarian Turn’ brought together culture workers, artists, organizers, artists’ unions, and precarized workers’ groups from Scotland, England, Norway, Türkiye, and Germany. Organized by Art Worker Solidarity (AWS), the assembly aimed to facilitate in-depth discussions and collective analysis of the current state of organizing from below. After three years of fighting in solidarity with Palestine, new forms of organization are evolving in efforts to resist the inertia of obsolete structures and create power from grass roots.
We heard how each group was organized internally, how they built coalitions, and about the campaigns they were working on. We also shared our limitations and failures in order to identify ways in which we can best support each other. The symposium proposed to lay the groundwork for an enduring international network to sustain the long-term anti-authoritarian struggle by facilitating regular meetings, knowledge sharing, and joint campaigning. The network is intended to serve as a growing platform for translocal and transsectorial organizing in the difficult years ahead.
Participating groups: Artists & Culture Workers London, Buradan Nereye (Türkiye), European Alternatives, Hassala, Scottish Artists Union, UKS (Young Artists’ Society, Norway), Arts & Culture Alliance Berlin, FLINTA* Workers Mutual Support Network, Global South United, KriSol (Alliance for Critical Scholarship in Solidarity), Oyoun, Radio Against Repression, Red Kunstcol, Syndikat Kunst und Kultur, United Against Subcontracting, Zeitgenössischer Tanz Berlin, and many more…”
Hosted by anorak – Contact: AGAWS@proton.me
RADAR 3: Rom – Das Netzwerk Vogliamotuttaltro
entstand im Winter 2025 aus Widerstand gegen repressive Maßnahmen der Regierung Meloni im Theater- und Performancebereich. Es vereint „Künstler*innen, Arbeiter*innen und prekär Beschäftigte aus Kunst, Theater und einer Kultur im Kampf. In Rom und in Italien erklären wir den Status kultureller Katastrophe“. Während der letzten Vollversammlung im Februar wurden u.a. diese beiden Manifeste formuliert:
[A]. Manifesto of the Present
“We are precariously employed workers in culture, entertainment, and the arts.
And there are so many things we want. We want something entirely different:
We want to take a stand on global, national, and local issues from our perspective as workers in culture, entertainment, and the arts.
Palestine, autocracies, neocolonialism, touristification, proposed laws on rape, evictions, repression, security laws, fascism, machismo, imperialism, cultural propaganda, class and privilege, the sad passions of the global right, violence in the art world.
We want to occupy the realms of imagination, to counter narratives.
Basic income.
By intertwining with and supporting one another and intervening in active struggles: in the fight against speculation and gentrification, in the fight for Palestine—we will be present.
We want to unite in a cultural strike.
From our perspective as workers in culture, entertainment, and the arts, we want to strike, protest, vandalize, and carry out direct actions.
We point out, denounce, criticize (and expose): calls for proposals from the municipality, the region, the ministry, calls for proposals in general, the former FUS (fund for performing arts), unpaid labor, precariousness, working conditions, violence and abuse, corruption, and power.”
[B]. Manifesto of Futures
“Acting, carrying out actions. Multiplication of thought. Speaking, reflecting. Reflection. Acting, carrying out actions. Finding ourselves, thinking together, coming back to one another. A place of affection, of relationships. Politicizing, radicalizing this sphere. Developing practice, self-awareness, even if I was against it. Heterogeneity, positions. Actions. Moving at different rhythms. Affirmative and affective imagination. An alternative to fascist and technopatriarchal politics. Openness to questioning. Time for analysis. Learning. Action / Desire / Stance / Disobedience. Acting. Action. Illegal action. Intense moments of collective thinking. Affective dimension. Geographies of relationships. And friendship of varying intensity. We are comrades, but not only that. Appreciation, valuing. What we think about the events around us. Transfeminist positioning. It allows me to exist. Criticizing fascism, imperialist machos. More street actions, poster campaigns. Wild and illegal acts.” https://vogliamotuttaltro.noblogs.org